US-Kriegsverbrechen am Golf
Von Ramsey Clark
Gelesen von G. Ullrich
So wenig wie Pizzaros
„Missionierung“ der Inkas ein Krieg war, so wenig es sich bei der annähernden
Ausrottung der Indianer Nordamerikas um einen Krieg handelte, so wenig war auch
der Kampf der „westlichen Wertegemeinschaft“, angeführt von den USA, ein Krieg
gegen den Irak. Nicht einmal von einem Kampf kann die Rede sein. Schon eher
vermag der Begriff Gemetzel die Ereignisse, wie sie seit Anfang des Jahres 1991
über den Irak kamen, thematisch einzuordnen. Nur ist selbst dieser Begriff noch
zu eng gefaßt, waren die direkten militärischen Vorgänge doch nur Teil eines
politischen Gesamtkonzeptes, mit dem die USA ihre Dominanz in der nahöstlichen
Erdölregion nachhaltig stärken wollten. Nicht nur lasergesteuerte
Präzisionsbomben und -raketen trafen punktgenau, auch der Titel „Wüstensturm“,
der den Irak mit naturgewaltähnlichen Militärschlägen traf, war äußerst präzise
gewählt.
Diese gesamten Zusammenhänge, also nicht nur die
rein militärischen Kriegsverbrechen, werden, anders als es der einschränkende
Untertitel vielleicht vermuten ließe, äußerst übersichtlich, detailliert und
ungeschminkt offengelegt. Schon das reine Zahlenverhältnis der menschlichen
Opfer: 148 amerikanische Soldaten bei ca. 150.000 Irakis (davon ein großer
Anteil Zivilbevölkerung) entlarvt den mörderischen Charakter des
us-amerikanischen Planes und seiner Umsetzung. Ein waffentechnischer
„Wüstensturm“ war, wie es die Eigenart eines jeden Sturmes ist, aus der Luft
über den Irak hereingefallen. Über Menschen, Städte, Industrieanlagen,
Infrastruktur und Umwelt. Keine biblische Apokalypse hätte schlimmer sein
können. 1.800 Flugzeuge entfachten einen über mehrere Wochen andauernden, alles
vernichtenden Sturm, der in seiner konsequenten Menschen-, Kultur- und
Zivilisationsverachtung wohl einmalig war. Wenn der Slogan „Soldaten sind
Mörder“ niemals zutreffend war, hier, im Irak 1991, da hat er sich seine
Anerkennung und Berechtigung verdient.
Das, was in diesem Buch
vorgelegt wird, gibt dem Begriff des Kriegsverbrechens eine neue, erheblich
weiter gefaßte Dimension. Das gesamte Spektrum der politischen, verfassungs-
und völkerrechtlichen wie auch der medienseitigen Machenschaften und
Manipulationen werden in diesem Buch ausführlich behandelt. Wer einmal die
„Rechtsgebundenheit“, den „Friedenswillen“, die „Menschlichkeit“ oder gar die
„Presse- und Meinungsfreiheit“ der von den USA angeführten „westlichen
Wertegemeinschaft“ in ihrer tatsächlichen Auslegung und Bedeutung kennenlernen
will, der hat mit diesem Buch von Ramsey Clark eine sehr gute Möglichkeit dazu.
Viele ach so positive Begriffe werden zu mehr als nur leeren Worthülsen, sie
entlarven sich als billigster Propagandaanstrich, hinter dem übelste
machtpolitische Interessen sichtbar werden.
Bleiben noch die beiden
letzten Kapitel des „Wüstensturm“-Buches von Ramsey Clark anzusprechen, die
sich mit Visionen von und der Suche nach dem Frieden beschäftigen. Was wir hier
finden, wird dem zuvor Gelesenen nicht voll gerecht. Mit Demonstrationen,
Eingaben, Kommissionen und selbst dem Einsatz eines internationalen Tribunals
werden verschiedenste Versuche geschildert, um die Kriegsverbrechen
aufzuarbeiten und um künftige Kriege zu verhindern. Alles so, als wäre es im
Krieg gegen den Irak zu einem einmaligen „Fehltritt“ der us-amerikanischen
Regierung gekommen, dem eine künftige Wiederholung verwehrt werden müsse. Dies
alles gipfelt in Forderungen zu rein militärischen Einschränkungen und
Verboten. Die wichtigsten Forderungen für den Frieden finden sich leider nur in
zwei Sätzen unter der Rubrik „Reformen der Vereinigten Staaten“:
Abschaffung der
plutokratischen Herrschaft. Abschaffung der Konzentration des Reichtums.
Dazu, wie solches
eingeleitet oder gar umgesetzt werden könnte, ist leider keine Anregung
enthalten. Aber auch diese fehlende Ausarbeitung der tieferen Kriegsursachen
und die darauf aufbauenden Friedensüberlegungen kann den Wert und die Bedeutung
dieses Buches nicht schmälern. Bedürften solche Forschungen und Lösungen doch
einer sachlich und zeitlich erheblich breiteren Grundlage.
Allein die hervorragend
recherchierten, oft aus persönlichen Initiativen des Autors stammenden und mit
diesem Buch vorgelegten Informationen liefern jedem Leser eine hervorragende
Basis, auf der er sich nun selbst mit der Gesamtproblematik imperialer
Weltpolitik auseinander setzen kann. Was allein die gegen den Irak
demonstrierte Kriegsorganisation und Waffentechnik angeht, darf und muß nun
jeder zur Kenntnis nehmen, daß auf diesen Gebieten Potentiale vorhanden sind
und eingesetzt werden, die auch dann zur vollständigen Vernichtung eines jeden
beliebigen Landes dieser Erde ausreichen, wenn auf Atomwaffen verzichtet wird.
Das politische und militärische Vorgehen gegen den Irak 1991, eine an alle
anderen Staaten gerichtete militärische Demonstration us-amerikanischer Möglichkeiten.
Fast wie zu früheren Zeiten:
die USA, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten.