Gelesen

 

Auszüge aus dem Buch „Völker und Revolutionen“ von Erich Garnow,

1942 erschienen im Fanfaren Verlag Nürnberg

 

Aus dem Kapitel: Arbeit siegt über Gold

 

S. 223

Mit der wirtschaftlichen Voraussetzung gewann das Deutsche Reich die Voraussetzung für die politische Handlungsfreiheit. Es war ein Kampf zwischen Arbeit und Gold. Die Arbeitskraft, wozu wir die Erfindungsgabe unserer geistigen Köpfe zu rechnen haben, war unser größtes Vermögen, unsere stärkste Waffe (Anm.: s. PISA-Studie 2002). Sie mußte überall dort in die Bresche springen, wo es an Rohstoffen fehlte. Hinter einer unsichtbaren Front hatte sich das Gold, das internationale Kapital verschanzt, abwartend, feindselig, siegessicher. Wie sollte es möglich sein, so viel Arbeitskraft aufzubringen, um alle fehlenden Rohstoffe durch vermehrte Arbeitsprozesse herbeizuschaffen! Die deutsche Arbeitskraft hat jedoch den Kampf gewonnen. Außerhalb des internationalen Börsenspiels, außerhalb der Goldbewegungen ist es gelungen, eine große Nationalwirtschaft in Schwung zu halten, ja an Produktionsergebnissen die größten Kapitalländer zu übertreffen. Freilich nicht ohne Selbstbescheidung, nicht ohne Opfer auf dem Außenhandelsmarkt; aber im ganzen doch so, daß ein gewaltiges Arbeitsvolumen entstand, eine gewaltige Höhe der Produktionswerte erzielt und eine gewaltige Steigerung des Volkseinkommens und des Volksvermögens erreicht wurde. Wir haben uns im Verbrauch von Kaffee, Tee, Schokolade eingeschränkt, um gleichzeitig aber große Mittel in die Verbesserung unserer Verkehrswege, für die Sanierung von Städtevierteln, für den sozialen Wohnungsbau und – nicht zuletzt für die Wehrhaftmachung unseres Landes aufzuwenden. Die Arbeit hatte sich glänzend geschlagen, das Gold thronte auf seiner Ohnmacht. ...

Für unsere Betrachtung aber ist entscheidend, daß die Arbeit über das Gold siegte. Trotz aller Erschwerungen, wie man hinzufügen kann; denn selbstverständlich haben unsere Gegenspieler nichts unversucht gelassen, unsere Handelsarbeit zu stören. Wie wir gesehen haben, sind es namentlich die USA gewesen, die wirtschaftsfeindliche Maßnahmen gegen uns getroffen haben. Außerdem versuchte man überall, wo unser Gegenseitigkeitshandel auf Freunde stieß, ein Störfeuer einzuleiten. Die USA haben dabei in den ibero-amerikanischen Ländern sich alle Mühe gegeben, uns aus dem Felde zu schlagen; die Engländer wiederum arbeiteten mit politischen Krediten auf dem Balkan, erklärtermaßen, um den deutschen Außenhandel zu treffen.

Aber die international-kapitalistische Wirtschaft hat nicht nur Stärken, sondern auch Schwächen. Das beweist die Tatsache, daß sie immer wieder in die stärksten Krisen gestürzt ist. Auch die Fülle kann zum Verhängnis werden. Der Überfluß ist im kapitalistischen System eine schlechte Ware, weil er schlechte Preise und somit schlechte Profite macht. Oft genug sind daraus große Verluste entstanden. Hatte man vor uns den Vorteil, immer genügend Rohstoffe und Bodenschätze zu besitzen, so hatte man doch den Nachteil, sie oft nicht absetzen zu können. Vor allem aber konnte man untereinander nicht grenzenlose Geschäfte machen – was wollten die USA mit dem kanadischen Weizen oder der australischen Wolle? Was wollte England mit dem nordamerikanischen Getreide, wenn es seine Dominien als Lieferanten nicht benachteiligen wollte? Und was wollte man überhaupt mit so viel Weizen, Baumwolle, Kautschuk, Kaffee, Öl, Gefrierfleisch, Fett? Das war eine Sache, die auch Länder wie Brasilien, Argentinien, Chile etwas anging, Länder, die ihre Waren verkaufen wollten. Auf diesem System des Überflusses thronte der internationale Kapitalismus. Es ist ein System des wirtschaftlichen Unsinns. Unwirtschaftlicher Überfluß auf der einen Seite, ein Überfluß, der unausgesetzt Krisen und Marktverluste mit sich brachte, - auf der anderen Seite Warenhunger der nichtbesitzenden Völker in Europa und in der Welt. Wie ein Unsegen lastet dieser Überfluß auf dem plutokratischen System. ...

 

Man wird vielleicht entgegenhalten, daß ein jedes Wirtschaftssystem die Preisbildung auf Grund einer Anzahl von wirtschaftlichen Faktoren vornehmen muß. Das ist richtig, ebenso wie richtig ist, daß man die Wirtschaft nicht einfach von der Verbraucherseite her organisieren kann. Es kommt eben darauf an, ob man von der Versorgung des Volkes oder von der Macht des Kapitals ausgeht. Im ersten Falle geht man von der Vollbeschäftigung aus, im letzteren von der „Rentabilität“. Wir wollen nicht sagen, daß die Wirtschaft und auch der einzelne Betrieb keinen Nutzen abwerfen braucht, im Gegenteil. Aber hier kommen wir zu dem Fundamentalsatz unserer Wirtschaftsauffassung, daß Gemeinnutz vor Eigennutz geht, und zwar durchaus auch in einem volkswirtschaftlich gesunden Sinne.

Wir haben die Arbeit zum Grundwert der Wirtschaft gemacht, die Plutokratien sind beim Kapital geblieben. Auch hier wollen wir einschalten, daß wir nicht daran denken, den Wirtschaftswert des Kapitals zu übersehen. Ohne Kapital keine Wirtschaft. Aber eine Kapitalwirtschaft, die den Arbeitswert dem Profit nachordnet, die den Preismechanismus über die Versorgung des Volkes stellt, ist ein Unding. ...

 

229

Unsere Untersuchung über die Geschichte hat uns gezeigt, daß die demokratischen Revolutionen in der Entstehung des Interessen-, des Kapitalstaates endeten. Ihr Antrieb, den Menschen einer neuen Zeit gegen den mittelalterlichen Absolutismus zu revolutionieren, verlor sich in einem doktrinären Streit über Menschen, Volk und Staat. Der erste Irrtum bestand darin, den Mensch „von Natur“ für gleichgeartet zu halten. Der zweite baute sich darauf auf: Die gleichgearteten Menschen hätten einen gemeinsamen Willen. Der dritte: Man brauchte nur abzustimmen, und der gemeinsame Wille sei da. Am Ende dieses theoretischen Gedankengangs stand die vollendete Demokratie, die „Volksherrschaft“. Als die Leidenschaften und Irrtümer der Revolutionen sich ausgetobt hatten, als sich herausstellte, daß es so etwas wie eine „Volksherrschaft“ niemals geben könnte, begriffen die besitzenden Schichten, welcher Vorteil für sie zu gewinnen war, wenn man die Illusion der Volksherrschaft aufrecht erhielt. So entstand der Parlamentarismus, der Interessenstaat, in dem die Kapitalmacht je länger je mehr herrschte.

 

230

Und die Interessen? Die Demokratien irren sich, wenn sie glauben, daß der neue Staat die Interessen verkenne oder gering achte. So verschieden die Menschen, so verschieden ihre Leistungen, so verschieden auch ihre Interessen. Der Ordnungsstaat hat die Aufgabe, alles das miteinander in Einklang zu bringen, wobei auch, ganz selbstverständlich, den Interessen Rechnung getragen wird. Aber die Interessen sind noch nicht der Staat; und auch für sich betrachtet, können die Interessen sich nicht durch parteiische Abstimmungen in Ordnung und Einklang bringen. Der Staat braucht den Staatsmann, den Politiker, den Mann, der über den Interessen steht.

Aber die Freiheit? Wir wissen vom ersten Blatt unserer Darstellung, daß die Freiheit zu einem Schrei der Revolution gegen den Absolutismus wurde. Mit Recht. Der Staat der persönlichen Willkür ist tot, die „göttliche Machtvollkommenheit“ ist dem politischen Dienst des Staates gewichen. Aber es kann auch nicht die falsche Freiheit eines falschen Menschenbegriffes sein, desjenigen, der an die Stelle des absoluten Monarchen den willkürlichen Menschen setzen wollte; der den willkürlichen Menschen über den Staat und damit über das Gemeinwohl setzen wollte. Die Herabwürdigung des Staates zum Werkzeug schwankender Interessen trieb das Gemeinwohl in die Hände der kapitalistischen Ausbeutung.

Und der Mensch? Nichts ist gewisser, als daß es um ihn geht. Der abstrakte Staat als Ding für sich, ob nun in der absolutistischen Bestimmung Ludwigs XIV. oder nun in der demokratischen Robespierres, ist ein Unding, eine Chimäre, ein Scheusal. Wir wollen den leibhaftigen Staat des natürlichen Menschen, des verschiedengearteten, zusammenarbeitenden, fleißigen, strebenden, lebensfrohen Menschen. Aber der Mensch lebt in der Gemeinschaft oder er lebt überhaupt nicht. Und die Freiheit der Nation ist seine Freiheit. Von Jahrhundert zu Jahrhundert wird ein neuer Mensch geboren; wie er dem Staat zu dienen hat, so hat der Staat ihm zu dienen. Die Freiheit des Menschen aber wächst nur mit seiner Fähigkeit und Bereitschaft, Pflichten zu erfüllen.

 

233

Der Staat, der dem Volk dient und nur in diesem Dienst seine politische und moralische Rechtfertigung besitzt, ist gleichwohl ein Staat der Ordnung, ein Staat der Pflichten und der miteinander in Einklang gebrachten Interessen.

 

234

Aber der neueren Geschichte ist der Blutterror auch nach diesen historischen Beispielen nicht erspart geblieben, ja – es scheint, als hätten die Terroristen der erschütterten Ordnung nach dem Weltkrieg den anderen Schluß aus der Robespierrschen Schreckensherrschaft gezogen: daß sie nicht blutig genug, nicht grausam genug gewesen sei. So nur erklären sich die Umtriebe und Gewalttätigkeiten des roten Schreckens nach dem Weltkrieg in Deutschland, in Ungarn, in Rußland. In Rußland hat dieser rote Schrecken einen Blutterror von unvorstellbarer Grausamkeit entfaltet, es war daher ein bezeichnendes Bekenntnis Moskaus, als es den 18. März, den Tag des Aufstandes der Pariser Kommune, zum sowjetischen Staatsfeiertag erklärte. Hinrichtungen und Morde haben in der Sowjet-Union dann ein Vielfaches der französischen Revolution erreicht – mit dem selben Grundsatz, durch den Schrecken zu herrschen. ...

Plutokratie und Bolschewismus sind, wie die Geschichte zeigt, zwei Abarten der Demokratie, die eine als Clique des bürgerlichen Profits, die andere als blutige Terrorgruppe.

 

239

Mochte die hinterhältige Politik Georgs III. gegen Friedrich den Großen im Verlauf des Siebenjährigen Krieges, die selbst Pitt verurteilte, ein gewöhnlicher Akt der britischen Niedertracht sein, so war die zweideutige Haltung Englands schon im Kriege von 1870/71 ein Protest gegen eine starke deutsche Reichsmacht.

 

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Die Demokratien nehmen für sich selbst stets in Anspruch, nationale Einheitsstaaten zu sein, sie nahmen für sich in Anspruch, darüber hinaus große Kolonialreiche zu besitzen, - Deutschlands  Einheit dagegen verstieß gegen das „Vertragsrecht“ von 1648. In diesem Zusammenhang wird noch einmal klar, welche verhängnisvolle Politik von dem Hause Habsburg getrieben worden ist, als es die Brandfackel des Glaubenskrieges in das deutsche Land schleuderte, um es in Schutt zu legen, wenn es sich nicht der Hörigkeit Roms unterwerfen wollte. Auch die Reichsfürsten haben ihren Beitrag zur politischen Ohnmacht Deutschlands, zum Triumph der Politik Richelieus und Mazarins im Jahre 1648 geleistet; aber am schwersten wiegt doch die reichsverderberische Politik der habsburgischen Ferdinande in der Zeit von 1618 – 1648. Durch nichts ist dieses Unheil von den Habsburgern wieder gutgemacht worden.

 

244

Denn das demokratische Deutschland von 1918 hat vor den Demokratien des Westens selbstverständlich keine Gnade gefunden. Diese Tatsache ist Beweis dafür, wie völlig die westlichen Demokratien zu imperialistischen Staatsgebilden geworden waren. Genauso unaufrichtig, wie die Demokraten in Sachen der nationalen Politik waren, genau so unaufrichtig waren sie in der internationalen Politik. Es ist derselbe zweideutige Vorgang, ob es sich nun darum handelt, dem eigenen Volk eine „Volksherrschaft“ vorzutäuschen, oder die Welt mit humanistischen Redensarten zu überlisten. Hier wie dort war von Menschlichkeit, von Freiheit, Selbstbestimmung die Rede. Aber es waren nur Worte – im Augenblick des Sieges trat der rücksichtslose Gewaltpolitiker hervor.

 

252

Um dieses Leben der jungen Nationen geht es. Deutschland hat in diesem Kampf den Vortritt des Pioniers. Es kämpft um seine eigene und um die Sache aller jungen Nationen. ...

 

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Natürlich werden unsere Feinde behaupten, wir würden, wenn wir die Beziehungen der Völker neu ordnen, es nicht anders machen als die Kapitalisten. Wir würden die Reichsmark zur beherrschenden Währung, Berlin zum internationalen Clearing machen und außerdem durch das System der wechselseitigen Handelsverträge eine viel stärkere Bindung der Länder an uns schaffen, als es sie unter der „Meistbegünstigung“ der Demokraten jemals gegeben hätte. Wir würden, so mögen sie behaupten, an die Stelle des einen das andere Imperium setzen. Wenn es so wäre, wäre dieser von London erklärte Krieg ein Machtkampf zwischen England und Deutschland, wie er einst zwischen England und Spanien, England und Holland, England und Frankreich gewesen ist. Aber dieser Kampf ist mehr. Als Machtkampf zwischen dem imperialistischen England und dem aufstrebenden Deutschland haben sich ihn die Kriegspolitiker in London gedacht. Seitdem ist dieser Krieg jedoch, indem er Weltprobleme aufwirft, zu einer historischen Entscheidung von epochaler Bedeutung geworden. Es geht nicht mehr wie einst um Macht gegen Macht, sondern um eine neue Ordnung der Völkerbeziehungen, um neue Möglichkeiten für arbeitende Völker. Denn es ist Deutschland völlig Ernst mit dem Kampf der Arbeit gegen das Gold.

In seinen Bemühungen um Wirtschaftsfreiheit, um Leben und Luft des deutschen Volkes, von dem internationalen Kapital bedroht, verteidigt Deutschland sein Recht auf Arbeit und stellt sich in dem ihm aufgezwungenen Krieg an die Spitze aller Völker, die sich von dem Joch des internationalen Kapitals befreien wollen, um den vollen Segen ihres Fleißes zu ernten. Und gerade in diesem Zusammenhang ist der Einwand, daß eine solche Neuordnung die Beziehungen der Völker verengen würde, fehl am Platz. Die wechselseitigen Verträge sichern den Nationalwirtschaften den vollen Nutzen ihrer Erträge, nichts bleibt ungenutzt, nichts verdirbt, nichts braucht verschleudert zu werde (Anm.: und keine Händlermargen sind an fremde Nationen abzuführen). ...

Die Arbeit, nicht das Gold soll herrschen; denn das bedeutet, daß jede Nation nach ihrem Fleiß belohnt wird, daß das schaffende Volk und nicht das spekulierende Kapital wohlhabend ist.

 

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Aber es braucht wohl kaum vermerkt zu werden, was man in London und New York unter einer „besseren Verteilung“ des Kapitals in den Ländern versteht: nichts anderes als eine noch straffere Herrschaft des Kapitals, als eine noch vollständigere Kontrolle der Weltbörsen. Das geht schon daraus hervor, daß man die Nationalwirtschaften weiter dem internationalen Markt unterordnen will, auf dem das Kapital und nicht die Arbeit herrscht. Mit einem solchen System würde auch ein neuer „Völkerbund“ übereinstimmen, wie man ihn sich in London und Washington ausgedacht hat: Die Völker sollen ihre Souveränität einer solchen internationalen Instanz unterordnen. Es versteht sich, daß diese Instanz, mehr noch als die Genfer Liga, das Werkzeug der imperialistischen Demokratien sein würde, die ihre Gewaltherrschaft dann auch noch mit einer internationalen Polizei auf dem Nacken der Völker ausüben würde.

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